Wer verstehen will, was konsequentes Hochseesegeln bedeutet, kommt an Wilfried Erdmann kaum vorbei. Der deutsche Einhandsegler verband technische Nüchternheit mit außergewöhnlicher Ausdauer und umrundete die Welt mehrfach allein. Ich ordne seine wichtigsten Reisen ein, erkläre die Besonderheit der Yacht Kathena Nui und zeige, was Fahrtensegler sowie Offshore-Regattasegler daraus lernen können.
Warum Erdmanns Fahrten bis heute Maßstäbe setzen
- Erster deutscher Einhand-Weltumsegler auf seiner Reise 1967/68.
- 271 Tage nonstop mit dem Wind in den Jahren 1984/85.
- 343 Tage nonstop gegen die vorherrschenden Winde von 2000 bis 2001.
- Beide Nonstop-Reisen absolvierte er mit derselben 10,6 Meter langen Aluminiumyacht.
- Sein wichtigster Beitrag liegt nicht in einem Regattapokal, sondern in einer eigenständigen Schule des Hochseesegelns.

Wer Wilfried Erdmann war und wofür er steht
Wilfried Erdmann gehörte zu den prägendsten deutschen Hochseeseglern des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Er kam als Autodidakt zum Segeln, arbeitete unter anderem als Tischler und baute seine Laufbahn nicht auf einem klassischen Regattaprogramm, sondern auf langen, anspruchsvollen Seereisen auf.
Seine erste Weltumsegelung gelang ihm 1967/68 als erstem Deutschen allein. Die Reise dauerte 421 Tage und machte ihn in der deutschen Segelszene bekannt. Entscheidend war dabei weniger ein spektakulärer Auftritt als die Konsequenz, mit der er ein großes persönliches Ziel unter vergleichsweise einfachen Bedingungen verwirklichte.
Ich finde gerade diesen Punkt wichtig, weil Erdmann oft nur als Abenteurer beschrieben wird. Tatsächlich war er auch ein genauer Beobachter von Wetter, Material, Schlaf, Ernährung und mentaler Belastung. Seine Bücher machten sichtbar, dass Hochseesegeln nicht nur aus großen Momenten besteht, sondern vor allem aus vielen kleinen Entscheidungen, die über Wochen und Monate richtig getroffen werden müssen.
Die drei Weltumsegelungen im direkten Vergleich
Die Reisen des Seglers werden verständlicher, wenn man sie nicht in einen Topf wirft. Die erste Weltumsegelung war eine lange Einhandreise mit Zwischenstopps. Die späteren Fahrten waren dagegen Nonstop-Umrundungen, bei denen weder ein Hafenaufenthalt noch eine längere Unterbrechung vorgesehen war.
| Reise | Besonderheit | Dauer | Warum sie wichtig war |
|---|---|---|---|
| 1967/68 | Erste deutsche Einhand-Weltumsegelung | 421 Tage | Sie etablierte Erdmann als deutschen Pionier des Solo-Hochseesegelns. |
| 1984/85 | Einhand und nonstop mit vorherrschenden Winden | 271 Tage | Die Route entsprach weitgehend den natürlichen Westwindbedingungen der Südhalbkugel. |
| 2000/01 | Einhand und nonstop gegen die vorherrschenden Winde | 343 Tage | Die östliche Route verlangte besonders viel Ausdauer und belastete Boot und Skipper stark. |
Die dritte Reise gilt als sein außergewöhnlichstes Unternehmen. Gegen die vorherrschenden Westwinde zu segeln bedeutet nicht einfach, den Kurs umzudrehen. Es entstehen oft härtere Kreuzseen, längere Gegenwindphasen und höhere Materialbelastungen. Für ein kleines Boot ist das besonders fordernd, weil jede Welle stärker in Rigg, Rumpf und Steueranlage arbeitet.
Dass Erdmann beide Nonstop-Weltumsegelungen mit derselben Yacht schaffte, ist ein weiterer Grund für ihre Bedeutung. Er war damit der einzige Segler, dem es gelang, auf einem Boot allein und ohne Zwischenstopp in beide Richtungen um die Welt zu segeln. Das ist kein klassischer Regattarekord im heutigen Sinn, aber eine seglerische Leistung von außergewöhnlicher technischer und mentaler Tiefe.
Warum die Kathena Nui eine so große Rolle spielte
Die Kathena Nui war keine luxuriöse Hochseeyacht, sondern eine relativ kleine, robuste Aluminium-Slup. Sie war rund 10,6 Meter lang, hatte einen Tiefgang von etwa 1,7 Metern und wurde auf Erdmanns Anforderungen für lange Einhandreisen ausgelegt. Der Name steht sinngemäß für etwas Großes, Starkes und Unerschrockenes.
Für mich liegt die wichtigste Lehre in der engen Beziehung zwischen Boot und Skipper. Erdmann kannte die Yacht nicht nur vom Steuerstand aus, sondern bis in viele technische Einzelheiten. Diese Vertrautheit reduziert auf See die Zeit, die man bei Problemen mit der Fehlersuche verbringt. Wer allein unterwegs ist, kann sich keine lange Diskussion mit der Crew leisten.
Was an dem Konzept überzeugte
- Überschaubare Größe erleichterte die Kontrolle von Deck, Segeln und Technik.
- Der Aluminiumrumpf bot eine robuste Basis für lange Reisen in abgelegenen Revieren.
- Die einfache Ausstattung verringerte die Zahl möglicher Fehlerquellen.
- Ein vertrautes Boot ermöglicht realistischere Entscheidungen bei Sturm und Materialschäden.
Das bedeutet nicht, dass ein kleines und spartanisches Boot automatisch sicherer ist. Komfort, Redundanz und moderne Kommunikation können heute die Sicherheit deutlich erhöhen. Erdmanns Beispiel zeigt eher, dass Systemverständnis wichtiger als Ausstattung allein ist. Ein technisch überladenes Boot hilft wenig, wenn der Skipper seine Grenzen und die Schwachstellen der Anlage nicht kennt.
Was Regattasegler von Erdmann lernen können
Auf den ersten Blick liegen zwischen Erdmanns Fahrten und einer modernen Offshore-Regatta große Unterschiede. Bei einer Regatta zählen Startposition, Geschwindigkeit, taktische Entscheidungen und die Konkurrenz. Erdmann segelte überwiegend gegen Wetter, Erschöpfung und Materialverschleiß. Trotzdem überschneiden sich die Anforderungen stärker, als viele vermuten.
1. Vorbereitung schlägt Improvisation
Auf langen Schlägen entscheidet sich der Erfolg selten durch eine einzelne geniale Idee. Ausschlaggebend sind vorbereitete Reparaturen, klare Abläufe und ein realistischer Umgang mit Risiken. Für Regattateams heißt das, Ersatzteile, Segelwechsel und Notfallrollen vor dem Start zu trainieren, nicht erst im ersten Sturm.
2. Geschwindigkeit ist nicht immer das wichtigste Ziel
Erdmanns Reisen zeigen, dass ein Boot nicht permanent am Limit bewegt werden kann. Wer zu aggressiv segelt, gewinnt vielleicht einige Meilen, riskiert aber Schäden, Schlafmangel und Fehlentscheidungen. Auch auf einer Regatta ist ein kontrollierter Geschwindigkeitsverlust oft sinnvoller als ein gebrochenes Rigg oder ein überlastetes Crewmitglied.
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3. Schlaf und Konzentration gehören zur Taktik
Einhandsegler müssen Ruhephasen organisieren, ohne Wetterentwicklung und Bootskontrolle aus den Augen zu verlieren. In der Regatta wird dieser Faktor häufig unterschätzt. Eine Crew, die über Stunden übermüdet ist, verliert nicht nur Reaktionsfähigkeit, sondern auch die Fähigkeit, Risiken sauber zu bewerten.
Ich halte deshalb Erdmanns Ansatz für besonders wertvoll in der Ausbildung. Er verschiebt den Blick weg vom reinen Geschwindigkeitsdenken hin zu Seemannschaft, Selbstmanagement und nachhaltiger Leistung. Genau diese Kombination entscheidet bei Offshore-Projekten häufig über den Unterschied zwischen einer anspruchsvollen Reise und einem unnötigen Notfall.
Die Grenzen des Erdmann-Ansatzes für heutige Segler
Sein Stil lässt sich nicht einfach kopieren. Moderne Yachten verfügen über Wetterrouting, Satellitenkommunikation, AIS, elektronische Seekarten und leistungsfähige Autopiloten. Wer heute dieselbe Route plant, muss außerdem aktuelle Sicherheitsstandards, medizinische Vorsorge und Notfallkommunikation berücksichtigen.
Ein häufiger Fehler besteht darin, die Einfachheit seiner Boote mit fehlender Vorbereitung zu verwechseln. Tatsächlich war die Reduktion auf wenige Systeme nur dann sinnvoll, weil Erdmann jedes davon beherrschte. Für Einsteiger ist ein kleineres, gut gewartetes Boot mit moderner Sicherheitsausrüstung oft die bessere Wahl als ein historisch nachempfundenes Minimalprojekt.
Auch die mentale Seite darf nicht romantisiert werden. Monate allein auf See bedeuten Isolation, monotone Abläufe, Schlafunterbrechungen und lange Phasen ohne unmittelbare Hilfe. Wer eine eigene Solo- oder Offshore-Reise plant, sollte zunächst kürzere Törns, Nachtfahrten und anspruchsvolle Wetterlagen trainieren. Eine Weltumsegelung beginnt nicht mit dem Ablegen, sondern mit einer ehrlichen Prüfung der eigenen Belastbarkeit.
Was von dem deutschen Weltumsegler bleibt
Wilfried Erdmann starb 2023, doch seine Bedeutung für das deutsche Segeln reicht weit über seine persönlichen Rekorde hinaus. Er zeigte, dass außergewöhnliche Seereisen nicht zwingend aus einem großen Team, maximaler Technik oder einem professionellen Rennprogramm entstehen müssen.
Sein Vermächtnis besteht für mich in einer klaren Haltung. Gute Vorbereitung, ein passendes Boot und die Bereitschaft, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen, zählen mehr als glänzende Ausrüstung oder große Worte. Wer sich heute mit Fahrtensegeln, Einhandsegeln oder Offshore-Regatten beschäftigt, findet in seinen Reisen deshalb keine fertige Anleitung, aber einen sehr brauchbaren Prüfstein für die eigene Planung.
Die wichtigste Frage lautet am Ende nicht, ob man seine Route nachahmen kann. Sie lautet, ob das eigene Boot, die eigene Ausbildung und die eigene Risikoeinschätzung wirklich zusammenpassen. Genau dort beginnt verantwortungsvolles Hochseesegeln.